Herausforderer vs. Amtsinhaber im Wahlkampf: Die Fehler der SPD-Kampagne

Das deutsche Magazin Der Spiegel hat einen interessanten Insiderbericht über die Wahlkampagne von Martin Schulz und der SPD veröffentlicht. Offenbar wollte Schulz während dem Wahlkampf gegen Kanzlerin Angela Merkel in die Offensive gehen, doch die Parteifunktionäre rieten ab. So soll es Meinungsforschung gegeben haben, welche gezeigt hätte, dass dies nicht gut ankommen würde.

Ich bin erstaunt, denn ich kenne keinen Politberater, der in einer solchen Situation nicht raten würde, in die Offensive zu gehen. Wie ich in meinem Buch über Challenger-Wahlkämpfe (How to Overcome the Power of Incumbency in Election Campaigns, erschienen bei Nomos) geschrieben habe, muss ein Herausforderer im Wahlkampf gegen einen bisherigen Präsidenten oder Premierminister grundsätzlich zwei Dinge tun:

A) Er muss die Stimmbürger davon überzeugen, dass es einen Wechsel braucht, dass also der Amtsinhaber ausgewechselt werden soll.

B) Er muss die Stimmbürger davon überzeugen, dass er selber es besser könnte als der Amtsinhaber.

Es ist schlicht unmöglich, dies zu tun, ohne gegen den Amtsinhaber in die Offensive zu gehen. Sicherlich ist die Ausgangslage nicht einfach: Schulz ist ein Mann, Merkel eine Frau. Aber wie das Resultat nun ja belegt, herrschte unter der Oberfläche eine grosse Unzufriedenheit mit Angela Merkel (was notabene qualitative Meinungsforschung gezeigt hätte). Die Frage ist also nicht, ob Schulz hätte in die Offensive gehen sollen, sondern wie er dies hätte tun sollen. Bei Wahlkämpfen geht es nun mal eben um Unterschiede.