Bundestagswahlen in Deutschland: Umfragen und Prognosemodelle

Umfragen würden oft danebenliegen, schrieb die Süddeutsche Zeitung vorletzten Samstag auf der Titelseite. Das kann man so nicht sagen. Ja, Umfrageinstitute sind mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Die Gesetze von Statistik und Wahrscheinlichkeit wurden deswegen aber von niemandem ausser Kraft gesetzt. Das Problem liegt woanders: Selbst in politischen Kreisen wissen wenige, wie man Meinungsforschung interpretiert, beziehungsweise was Meinungsforschung kann und was nicht. Zudem führt der Kostendruck auch dazu, dass oft nicht in solide Meinungsforschung investiert wird.

Beispielsweise ist eine einzelne Umfrage nie eine Prognose, sondern immer eine Momentaufnahme. Wer sich aber für Prognosen interessiert, dem kann ich ein Projekt empfehlen, in wessen Rahmen fünf Wahlforscher der Universitäten Mannheim, Zürich und der HU Berlin ein Prognosemodell entwickelt haben. Auf ihrer Webseite www.zweitstimme.org veröffentlichen sie Prognosewerte zu den Wahlresultaten aller grösseren deutschen Parteien. Ihre Berechnungen beruhen dabei auf zwei Komponenten: auf der strukturellen Komponente und auf der Umfragekomponente. In der strukturellen Komponente berücksichtigen sie Informationen wie das Abschneiden von Parteien bei vergangenen Wahlen. Zusammen mit Umfragedaten zu der Sonntagsfrage aus mehreren unterschiedlichen Quellen berechnen sie in ihrem Modell dann Prognosen zum Abschneiden der Parteien (mit einer gewissen statistischen Unsicherheit) und aktualisieren ihre Zahlen laufend, sobald neue Umfragedaten veröffentlicht worden sind. Einige Tage vor der Wahl lautet die Prognose des Teams wie folgt: CDU 36,3%, SPD 23,0%, AfD 9,9%, Linke 9,5%, FDP 9,2%, Grüne 7,8%.